Pukkelpop 2011

Hasselt, Belgien 18. Aug. 2011

Pukkelpop Festival 2011 - 18.08.2011 - Hasselt, Belgien(18.08.2011) Mit Sicherheit ist das Pukkelpop in Belgien eines der größten und wichtigsten Festivals in Belgien. Weltbekannte Acts verschiedenster Genres traten dort schon auf, wie zum Beispiel IRON MAIDEN, TOOL, THE KOOKS, GUNS N ROSES, THE PRODIGY, MASSIVE ATTACK oder auch SLIPKNOT. Jedes Jahr bietet das Pukkelpop das Feinste aus Indie, Punk, Metal, Pop und Electro was das Jahr zu bieten hat. Auch dieses Jahr standen mit 30 SECONDS TO MARS, FOO FIGHTERS, THE OFFSPRING, EMINEM, FRIENDLY FIRES, BRING ME THE HORIZON, FUCKED UP, KASABIAN oder RISE AGAINST einige weltbekannte Künstler auf dem Programm, doch war die diesjährige Ausgabe des Musikevents am Ende eine reine Katastrophe.
Von der Lage her ist das Festival absolut genial. Die Location bietet genug Platz für die gut 60.000 Besucher und ist zu dem ziemlich schön durch seine großen Rasenfläschen und die Baumallee an der Hauptbühne. Auch organisatorisch ist das gesamte Event absolut super. Die belgische Polizei sichert die Fußgängerübergänge an allen wichtigen Stellen wie der Straße, die den Campingplatz vom eigentlichen Festivalgelände trennt. Zusätzliches Security-Personal unterstützt die Beamten tatkräftig. Ebenso der Einlass funktioniert mehr als schnell und bleibt trotzdem absolut geordnet, genau wie in den Vorjahren. Auf dem großen Gelände herrscht stets friedliche Stimmung während unzählige Bands und Künstler von Mittags bis Nachts fast non-stop Musik machen.
Auch für die Anwohner ist das Pukkelpop stets eine lohnende Angelegenheit, verkaufen diese doch aus ihren Vorgärten heraus Imbisse und Getränke zu moderateren Preisen als auf dem Festivalgelände selber, welches selber eine recht gute, allerdings teurere Auswahl vorzuweisen hat.
Als im Marquee um zwölf Uhr Mittags die Amerikaner von TITLE FIGHT anfangen ist draußen bestes Wetter. Keine Wolke in Sicht und die Sonne scheint, man mag kaum glauben, dass heute noch ein Gewitter kommen soll. Da allerdings eh nur die Hauptbühne unüberdacht ist, ist dies kein all zu großen Problem, man hat ja Ausweichmöglichkeiten en masse. Das Quintett bietet Emo, der stark von 90er Bands wie MINERAL, TEXAS IS THE REASON oder SUNNY DAY REAL ESTATE geprägt ist, durch eine Portion Hardcore und Punk gewürzt wird. Das Publikum regiert relativ verhalten auf den schiefen und mehr gebölkten als klaren Gesang. Hin und wieder gibt es gute Momente in den Songs zu vernehmen, doch wurde alles schon von genannten Bands vor 15 Jahren wesentlich besser gemacht als von TITLE FIGHT.
Es geht weiter in das Zelt, welches auf den Namen Club hört, um dort die britische Indie/Gitarren-Pop-Band YOUNG THE GIANT anzuschauen. Ich selber war vorher mit der Band noch nicht vertraut, doch schon die ersten Töne überraschen positiv. Gut gespielter Gitarren-Pop der ab und an an COLDPLAY denken lässt, dann mal wieder an alte BLOC PARTY. Mal klingt man etwas atmosphärischer, mal tanzbarer wie bei dem großartigen „My Body“ vom frisch erschienenden Debütalbum „Young The Giant“. Besonders ihr Sänger wirkt mehr als sympathisch und zieht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich und scheint damit nicht gerade wenige Menschen zu überzeugen heute.
TROPHY WIFE im Chateau sind als nächstes dran. Den Namen hat man schon das ein oder andere Mal irgendwo in britischen Magazinen gelesen, nur im Laden noch nichts von der Truppe gesehen. Vielleicht liegt das an dem Umstand, dass man bisher nur zwei Singles vorzuweisen hat. Der Hybrid aus Electro und Indie erinnert start an FOALS und deren Debüt „Antidotes“. Besonders der Schlagzeuger zieht die Blicke auf sich. Er steht, seine Bassdrum ist nur ein Pad auf Brusthöhe, da er ein elektrisches Schlagzeug spielt und der Gute tanzt ab und an über die Bühne und animiert so die ersten Leute zum tanzen und mitsingen. Aufgrund des kleinen Backkatalogs der Engländer ist es nicht verwunderlich, dass der Auftritt mehr kurz und knackig ausfiel, dafür aber ziemlich gut.


Unterwegs in - © sumnersgraphicsinc - Fotolia.comAllerdings ist das erste wirkliche Highlight des Tages dann das britische Folk/Indie-Pop-Gespann von NOAH AND THE WHALE, welche im Marquee auftreten. Das Zelt ist bis in die letzte Reihe und darüber hinaus mit wartenden Fans gefüllt, welche in lautem Jubel ausbrechen als die fünf jungen Männer endlich die Bühne betreten. Das aktuelle dritte Album der Band, „Last Night On Earth“, bescherte ihnen den Durchbruch und so ist es nicht sehr verwunderlich, dass neue Songs wie „Tonight’s The Kind Of Night“ oder „Life Is Life“ am besten ankommen. Allerdings werden auch ältere Songs von den beiden Vorgängeralben gebührend empfangen und mit lautstarkem Beifall belohnt. Die in Anzüge gehüllte Truppe macht live einen ziemlich guten Eindruck und bereitet den Anwesenden ziemliche Freude. Zwar spricht man nicht viele Worte zum Publikum, dennoch kommt man ziemlich sympathisch rüber. Nach dem großartigen und sicherlich jedem nur zu gut bekannten „L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.“ ist allerdings nach gut 45 Minuten schon Schluss mit den Indie-Poppern von NOAH AND THE WHALE, die sicherlich absolut niemanden enttäuscht haben werden.
Weiter geht es mit TWIN ATLANTIC im benachbarten Shelter. Die Schotten waren bereits letztes Jahr mit ihrem Debütwerk „Vivarium“ auf dem Pukkelpop vertreten und spielten vor nicht all zu vielen Leuten. Nun, ein Jahr später stehen wesentlich mehr Menschen vor der Bühne als TWIN ATLANTIC ihr Set mit dem Opener ihres diesjährigen Albums „Free“ namens „Edit Me“. Viel Bewegung kommt zwar noch nicht im größtenteils weiblichen Publikum auf, doch wirken die Reaktionen der Anwesenden dieses Jahr wesentlich besser als noch bei der letzten Pukkelpop-Ausgabe. Besonders die Songs der 2009er EP „Vivarium“ kommen bestens beim Publikum an wie zum Beispiel „You’re Turning Into John Wayne“ oder „Where Is Light? Where Is Laughter?“. Doch auch neue Nummern wie „Free“ oder „Yes, I Was Drunk“ ernten ordentlichen Applaus von den schottischen Alternative Rockern. Live kommt das Material der sympathischen Band eh noch ein bisschen kantiger rüber als auf CD, auch der Gesang klingt etwas besser als auf dem Album. Nach 40 mehr als guten Minuten Spielzeit ist dann aber Schluss mit den Schotten.
Wenig später stehen die US-Pop Punker von VEARA auf der Bühne. Ich bin etwas erstaunt, dass doch recht viele diese Band zu kennen scheinen. Immerhin geht vor der Bühne erstmals etwas im kleinen Moshpit und die Leute scheinen (zumindest vereinzelt) ziemlich textsicher zu sein und nutzen jeden Sing-along. Der kantigere Pop Punk der vier Amerikaner erinnert sehr an THE WONDER YEARS oder SET YOUR GOALS. Die Truppe legt sich gut ins Zeug, besonders ihr Bassist zieht alle Blicke auf sich, da er ständig in Bewegung zu sein scheint. Man präsentiert das Beste vom neuen Album „What We Left Behind“ was die Fans sehr zu erfreuen scheint, bekommen gerade diese Songs die meisten Reaktionen.

THE NAKED AND  FAMOUS

Unterwegs in - © Yuri Arcurs - Fotolia.comLetzte Band für das Festival sind dann für mich die isländischen Indie-Popper von THE NAKED AND  FAMOUS, welche durch ihren aktuellen Hit „Young Blood“ einen ziemlichen Zuschauerandrang im Club auslösen. Die Band spielt fast ihr komplettes Debütalbum „Passive Me, Aggressive You“ und beginnt mit dessen Opener „All Of This“. Allerdings bekommt „Punching In A Dream“ erstmal größeren Beifall. Es scheint so als ob die meisten Leute nur wegen den beiden Singles der Band, welche irgendwo zwischen RADIOHEAD, BJÖRK und BLOC PARTY anzusiedeln ist, erschienen ist. Von daher ist es kaum verwunderlich, dass besonders beim abschließenden „Young Blood“ die Fans kollektiv aufschreien und mitsingen. Leider verpasst die Band es das „Yeah, yeah, yeah“ vom Publikum mitsingen zu lassen. Auch ansonsten scheint die Band live noch nicht das eingespielteste Team zu sein. Zwar spielt man die Songs ohne auffällige Patzer, doch ist die Interaktion mit dem Publikum mehr als verhalten. Doch das kann sich mit der Zeit ja noch ändern, man ist ja noch jung.

Nach dem Auftritt guckt man erst einmal etwas verwundert, dass sich das Wetter von einem fast wolkenlosen Hochsommertag zu grau und trist gewechselt hat. Gut, ein Gewitter war angekündigt für den Tag. Abseits vom Festivalgelände machen sich die privaten Vorgarten-Imbissbuden der Anwohner schon bereit auf ein Gewitter. Allerdings sind schon die ersten Tropfen des Regens ziemlich dick. Innerhalb von sehr wenigen Minuten braut sich ein richtig starkes Gewitter über Hasselt zusammeln, welches immer mehr an Fahrt gewinnt. Die Festival-Gänger versuchen sich in den Zelten der Imbisse unterzustellen und vor dem immer stärker werdenen Regen zu schützen. Doch selbst die Zelte können dem bis zum 100 km/h starken Windböen nicht stand halten und müssen von den Insassen festgehalten werden. Faustgroße Hagelkörner stürzen vom Himmel und auf der Hauptstraße zwischen Campingplatz und Festivalgelände bleiben die Autos stehen als sich Menschen versuchen irgendwie zu retten vor dem Hagel. Schnell entsteht Hochwasser an den Rinnen der Straße und Zäune werden umgeschmissen.
Auf dem Festivalgelände stürzen drei Zelte ein und die Tribüne neben dem Chateau stürzt ebenfalls ins sich zusammen. Doch trotz der apokalyptischen Umstände bleibt die Masse erstaunlich ruhig. Es bricht keine Massenpanik aus in deren Verlauf Menschen überrannt werden. Natürlich rennen die Menschen umher um Schutz zu finden, doch durch die gute Organisation des Festivals werden größere Tragödien verhindert.
Der Sturm selber wütet gerade einmal etwas mehr als zehn Minuten. Doch als man aus seinem Unterschlupf kommt bietet sich ein schlimmes Bild. Weinende Menschen, zerstörte Imbisszelte und auch von außerhalb des Festivalgeländes sieht man, dass das Chateau und der Club ziemlich schlimm aussehen und Risse haben. Der Campingplatz ist stellenweise bis zur Wade im schlammigen Wasser versunken. Auch hier bietet sich ein Bild des Grauens, welches über einen matschigen Campingplatz hinausgeht. Metallstangen-Türme, die Notausgänge oder die Duschen anzeigen fehlen zum Teil komplett in der Campingplatzlandschaft. Umgeschmissene Zelte sind auch nicht gerade ein seltener Anblick, genauso wenig wie weinende Menschen, die telefonieren. Es sickert durch, dass zwischen zwei und sechs Menschen gestorben sein sollen und es unzählige Verletzte gibt als die drei Bühnen Club, Chateau und der Boiler Room zusammenstürzten. Die Konsequenz ist, dass bereits viele Leute ihre Zelte zusammenpacken und das Festival verlassen. Niemand wird ein Festival fortsetzen bei dem sich solch eine Katastrophe zugetragen hat. Auch wir reisen unbeschadet ab.
Auf dem Weg nach Hause sieht man, dass das Festival selbst zu diesem recht chaotischen Zeitpunkt sehr gut organisiert ist. Direkt wird eine Straßenseite gesperrt, damit die Krankenwagen problemlos ab- und anfahren können.
Abends heißt es, dass das Festival am nächsten Tag um elft Uhr morgens wie geplant weiter stattfinden soll, doch am nächsten Morgen wird bekannt gegeben, dass das Pukkelpop 2011 nicht weiter stattfinden wird, da es offiziell fünf Tote und 75 Verletzte, davon drei schwer verletzt, gegeben hat.

Ob das Pukkelpop nächstes Jahr nach dieser Tragödie stattfindet ist noch nicht bekannt. Doch hatte niemand mit solch einer Naturgewalt gerechnet und wie soll man sich schon passend auf solch Kräfte vorbereiten? Der Organisation kann man keinen all zu großen Vorwurf machen, denn diese war klasse - vor, während und nach dem Sturm.

Text © by Sebastian Berning